Major Florian v. Seydlitz

 

Florian v. Seydlitz

Adjutant des Generalleutnants York von Wartenburg und die Konvention von Tauroggen

Im Jahre 1806 – nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt – fiel das alt-ehrwürdige Heilige Römische Reich Deutscher Nation, einschließlich Preußen, französischer Besatzung zum Opfer. Frankreich war unter Napoleon zur Vor- u. Besatzungsmacht West- u. Zentraleuropas aufgestiegen. Nur Großbritannien und das zaristische Russland entzogen sich Napoleons Diktat. Um Großbritannien niederzuringen, sollte ein Sieg über Russland ihm den sogenannten Festlandsdegen entwinden. Preußen wurde Aufmarsch- und Durchzugsgebiet für die Grande Armee und musste erhebliche Lasten tragen. Unter anderem hatte Preußen 30.000 Mann, sowie umfangreiche logistische Unterstützung für den Feldzug zu stellen. Die damit verbundenen Kosten brachten das Königreich an den Rand des Staatsbankrotts.

Es gelang Napoleon 1812 zwar Moskau einzunehmen, die russische Armee konnte er aber nicht schlagen. Überfälle von Kosaken und Partisanen hatten die Grande Armee bereits auf dem Weg bis Moskau erheblich geschwächt. Der Rückzug im Winter geriet jedoch zur Flucht, die Truppe befand sich in einem Zustand der Auflösung.

Das preußische Kontingent, geführt von Generalleutnant Graf Yorck von Wartenburg, litt unter Fleckfieber und der Kälte. Das Ausweichen vor den immer wieder angreifenden russischen Truppen fiel immer schwerer. Die Preußen sahen sich der Gefahr ausgesetzt, vom Hauptkontingent abgeschnitten und eingeschlossen zu werden.

Am 25.12. 1812 erreichte Yorck die russische Aufforderung, die Unterstützung für Frankreich zu beenden, was dieser aber ablehnte. Drei Tage später, als die preußischen Truppen die Gegend um Tauroggen erreichten, lag Yorck eine erneute Aufforderung Generalmajor Diebitschs, des Führers der russischen Kavallerieverbände vor. Andererseits hatte er den Befehl, McDonalds, des französischen Oberbefehlshabers, sich bei Tilsit mit dem Hauptkontingent zu vereinen.

In Ermangelung konkreter Handlungsanweisungen seines Königs hatte sich Yorck zu entscheiden: Sollte er sich am Aufbau einer Widerstandslinie der Franzosen beteiligen und damit weitere Verluste unter seinen Soldaten verursachen und die Belastungen Preußens verlängern, oder hatte er nicht neben der Fürsorge für seine Männer, auch die Pflicht, dem König sein Korps als das einzige feldverwendungsfähige und gefechtsbereite Kontingent zu erhalten, anstatt es in einem aussichtslosen Kampf gegen russische Truppen zu opfern. Kampf und Kapitulation oder Konvention. Yorck rang lange, traf sich dann aber, aus eigener Verantwortung handelnd, am 30.12. mit Diebitsch in der Poscheruner Mühle, um die Konvention von Tauroggen festzuschreiben. Er wurde dabei von seinem Adjutanten, Major Florian v. Seydlitz begleitet, auf russischer Seite war unter anderem v. Clausewitz beteiligt. Das preußische Korps wurde für neutral erklärt und der französischen Verfügungsgewalt entzogen.

Dies geschah auf preußischer Seite zunächst ohne die Zustimmung des Königs.

Die militärische Folge war, dass die linke Flanke der Franzosen zusammenbrach, Ostpreußen und die Gebiete östlich der Weichsel mussten von der französischen Truppen geräumt werden. Entscheidender waren die politischen Folgen. Preußen war mit der Konvention von Tauroggen de facto aus dem Krieg gegen das Zarenreich ausgeschieden und Russland wurde in seiner Absicht bestärkt, den Krieg gegen Napoleon weiterzuführen. Die Konvention war das erhoffte reale und symbolische Zeichen zu Erhebung der preußischen Bevölkerung und des sich anbahnenden Waffenbündnisses mit Russland.

Über die Rolle des Adjutanten Major Florian v. Seydlitz ist aus seinen, dem Familienverband vorliegenden Tagebüchern bekannt, dass er seinen Kommandierenden General in der langen Phase der Entschlußfassung loyal beriet und in der Absicht der Befehlsverweigerung gegenüber dem französischen Oberbefehlshaber bestärkte. Er dürfte dabei wesentlichen Einfluss auf die Entschlußfassung Yorks gehabt haben, war er doch der unmittelbarste Berater und Mitarbeiter. Er sah sich dabei in der Tradition des Reitergenerals Friedrich des Großen, der seinem König, als dieser einen bereits mehrfach gegebenen, von Seydlitz aber in der Schlacht bei Zorndorf nicht ausgeführten Befehl mit der Drohung unterstrich, es würde ihm den Kopf kosten, antwortete: „Sagen Sie dem König, nach der Schlacht stehe ihm mein Kopf zu Befehl, in der Schlacht aber möge er mir noch erlauben, daß ich davon für seinen Dienst guten Gebrauch mache”.

Dies, sowie das Verhalten Yorks und auch anderer, begründete die gute Soldatentradition, nach der ein Offizier ohne klare Weisung beziehungsweise bei grundsätzlich geänderter Lage von gegebenen Befehlen abzuweichen und im Sinne der übergeordneten Führung zu handeln hatte. Die Verschwörer des 20. Juli 1944 und auch Walter v. Seydlitz bei seinem Entschluss zur Gründung des Bundes Deutscher Offiziere sahen sich auch in dieser Tradition.

(vgl. E. Birk, Die Konvention von Tauroggen, in MGFA(Hg), Zeitschrift für Militärgeschichte 3/03 S. 14)