Haltung des Familienverbandes zu Walther v. Seydlitz-Kurzbach, General der Artillerie

 

Der Senior Eberhard v.-S.-K.

Walther war im II. Weltkrieg in Stalingrad kommandierender General eines Armeekorps. Sein Vorgesetzter war Generalfeldmarschall Paulus, der Oberbefehlshaber der 6. Armee vor Stalingrad. Im Vertrauen auf das Versprechen der Sowjets, dass Deutschland nicht besetzt werden würde, wenn sich die Wehrmacht auf die Grenzen des deutschen Reiches zurückziehen würde, gründete Walther nach dem Untergang der 6. Armee in der Kriegsgefangenschaft zunächst den Bund Deutscher Offiziere und gliederte diesen später in das Nationalkomitee Freies Deutschland ein, eine Organisation emigrierter Deutscher mit meist kommunistischem Hintergrund.

Er selbst wandte sich mit Briefen, Radiosendungen, Lautsprecherdurchsagen und in Flugblättern an die in der Sowjetunion kämpfenden deutschen Soldaten und forderte sie zur Einstellung des Kampfes und zum Rückzug auf. Dies wurde natürlich von den nationalsozialistischen Machthabern, aber auch von der Führung der Wehrmacht und von den meisten Soldaten nicht akzeptiert.

Walthers Familie wurde in Sippenhaft genommen. Seine Frau musste sich scheiden lassen, um sich und die beiden Töchter zu retten, Walther selbst wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Nach der Konferenz von Jalta, als deutlich wurde, dass die Sowjets ihre Zusage nicht einhalten wür- den, stellte Walther die Zusammenarbeit ein. Er wurde nach dem Krieg wegen angeblicher Kriegsverbrechen auch von den Sowjets zum Tode verurteilt, später zu 25 Jahren Haft begnadigt. 1955 konnte er als einer der letzten Kriegsgefangenen in die Heimat zurückkehren.

Dort traf er zu seiner großen Enttäuschung auf massive Vorbehalte der ehemaligen Soldaten, die ihm Verrat und Wehrkraftzersetzung vorwarfen. Dies galt auch für Vettern des Familienverbandes.

Als ich 1998 den Posten des Seniors übernahm, waren etliche kriegsgediente maßgebliche Angehörige des Familienverbandes nicht bereit, ihre Einstellung zu Walther zu revidieren. Sie konnten oder wollten seine Entscheidungen und seine Tätigkeit während der Gefangenschaft nicht akzeptieren. Über die dieser Haltung zugrunde liegenden Motive kann man trefflich spekulieren, hier ist dazu jedoch nicht der richtige Ort.

Ich, als „Nachkriegsgeborener“ sah das immer anders. Lange vor dem Wandel der Wahrnehmung Walthers durch Wissenschaft und Öffentlichkeit war mir klar, dass er sich aus heutiger Sicht vorbildlich verhalten und vorbildlich gehandelt hat.

Er gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten unserer Familien. Dies vertrete ich als Senior des Familienverbandes und tue dies besonders auch als Offizier. Der Vorstand des Familienverbandes schließt sich dieser Bewertung vorbehaltlos an.

Ich habe dies den Töchtern Walthers mitgeteilt.

Soderstorf, im Dezember 2014
Eberhard