Walther v. Seydlitz-Kurzbach

 


Ein preußischer Offizier zwischen zwei totalitären Diktaturen

Claude Lavoinne

„Und es ist allein das Daransetzen des Lebens, wodurch die Freiheit, wodurch es bewährt wird“
G.W.F. Hegel

Walther v. Seydlitz-Kurzbach

Ende Januar 1943 beobachtet der junge russische Stabsoffizier Lew Besymenski eine sich nähernde Gruppe in Stalingrad gefangengenommener deutscher Offiziere und einen „hochgewachsene(n) Mann im deutschen Generalsmantel, der in das kleine Dorf Sawarugin zum nur dürftig versorgten Stab der siegreichen Generale Rokossowski und Voronow gebracht wurde“ ; dieser Mann war Walther v. Seydlitz, Kommandierender General des LI. Armeekorps.

1995 schreibt Besymenski, das Archiv der GUPWI biete „dem Leser genügend Material, um sich nicht nur über das Schicksal des Generals von Seydlitz, sondern auch über das Schicksal ehrlicher Menschen in den Händen unehrlicher Behörden Gedanken zu machen.“

Walther v. Seydlitz hat wie zwei seiner Vorfahren, der Reitergeneral Friedrich-Wilhelm v. Seydlitz und Florian v. Seydlitz, die Pflicht zum militärischen Gehorsam den Interessen des Volkes und der eigenen Gewissensentscheidung untergeordnet. Wie die Mehrheit der Deutschen hatte er das nationalsozialistische Regime begrüßt, das das „Schanddiktat von Versailles“ ablehnte und die Wiedererrichtung einer schlagkräftigen deutschen Wehrmacht versprach. Er begrüßte die Erfolge des Regimes, die ohne Blutvergießen gehaltenen Versprechen, war jedoch sehr bald beunruhigt durch die Ausweitung der Annexionspolitik. Er kritisierte früh die Politik des Terrors, die blutigen Säuberungen und die Niedertracht der Nationalsozialisten.

Durch eine Gruppe befreundeter Offiziere, die Hitler kritisch gegenüberstanden, unter ihnen Hans Oster, Georg Thomas und General v. Kluge, entwickelte sich ab 1934 bei Walther v. Seydlitz Widerstandsgeist. Ab Frühjahr 1942 war er besorgt angesichts der Verschlechterung der militärischen Lage und der unmoralischen Führung eines ideologischen Krieges, in dem die militärische Ethik ignoriert wurde.

Das militärisch absurde und humanitär verwerfliche Opfern der 6. Armee markiert den Wendepunkt zum aktiven Widerstand. Den Kommandeuren der Ostfront, nicht nur in Stalingrad, war die Notwendigkeit zum Handeln bewußt, aber niemand wagte etwas zu unternehmen. Am 25.11.1942 befreite sich Walther v. Seydlitz von der „Heeresleitung ohne Gewissen“ und forderte in seiner an den Oberbefehlshaber der 6. Armee gerichteten Beurteilung der Lage den Ausbruch aus dem Kessel:

„Hebt das OKH den Befehl zum Ausharren in der Igelstellung nicht unverzüglich auf, so ergibt sich vor dem eigenen Gewissen gegenüber der Armee und dem deutschen Volk die gebieterische Pflicht, sich die durch den bisherigen Befehl verhinderte Handlungsfreiheit selbst zu nehmen und von der heute noch vorhandenen Möglichkeit, die Katastrophe durch eigenen Angriff zu vermeiden, Gebrauch zu machen. Die völlige Vernichtung von 200.000 Kämpfern und ihrer gesamten Materialausstattung steht auf dem Spiel. Es gibt keine andere Wahl.”

Walther v. Seydlitz-Kurzbach

Der Widerstand gegen Hitler war für die Offiziere in der Gefangenschaft sehr schwierig. Walther v. Seydlitz sagt rückblickend:

„ich stand vor einer der schwersten Entscheidungen meines Lebens“.

Im September 1943 stimmte er zu, Vorsitzender des Bundes Deutscher Offiziere (BDO) zu werden, weil er den Aussagen der Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes NKVD Glauben schenkte. General Daniel N. Melnikov hatte im Namen von Stalin versprochen, daß der Kampf gegen Hitler ohne „Methoden der Zersetzung der Front“ geführt und Deutschland in den Grenzen von 1937 wiederhergestellt werde. Walther v. Seydlitz sieht die Möglichkeit, den Krieg vorzeitig zu beenden, er hofft, Menschenleben zu retten und Deutschland vor Chaos zu schützen.

Die Öffnung der sowjetischen Archive ermöglicht es heute, den politischen Umgang mit den deutschen Offizieren und Kriegsgefangenen und ihre ideologische Manipulation und Instrumentalisierung nachzuvollziehen. Stalin hatte 1943 keine Alliierten für die Eröffnung einer zweiten Front gewonnen und zog noch immer die Möglichkeit eines Separatfriedens mit Deutschland – ähnlich wie 1812 in Tauroggen – in Betracht. Die Korrespondenz von Stalin und L. Beria, dem Chef des Geheimdienstes NKVD, beweist, daß Stalin an der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland maßgeblich beteiligt war, und daß er das Nationalkomitee als ein Mittel nutzen wollte, Druck auf den Westen auszuüben, es aber nicht als eine Exilregierung anerkannte.

Die nationalsozialistische Führung war sehr beunruhigt und reagierte mit einer massiven Gegenpropaganda. Hitler ließ General v. Seydlitz durch das Reichskriegsgericht am 26. April 1944 zum Tode verurteilen. Nach dem Attentat am 20. Juli wurden die Familien der Mitglieder des Nationalkomitees und des BDO in Sippenhaft genommen. Frau v. Seydlitz und ihre Kinder im Alter zwischen acht und achtzehn Jahren wurden in Hitlers Gefängnisse und in das NSV-Kinderheim in Bad Sachsa gebracht.

Im Februar 1944 versuchten Walther v. Seydlitz und andere Mitglieder des BDO, eine Kapitulation der eingekesselten deutschen Truppen in Tcherkassy-Korsum zu erreichen, um ein zweites Stalingrad zu verhindern. Die Berichte des NKVD beschreiben die Details der Operation und zeigen, daß Nationalkomitee und BDO durch ihr Scheitern jegliche Glaubwürdigkeit verloren haben. In seinen Memoiren schreibt Walther v. Seydlitz:

„nur eine einzige Möglichkeit blieb uns: die Wehrmacht, die Front aufzurufen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, (…) so viele Menschen wie möglich aus dem Chaos zu retten, dem Sterben und der Zerstörung unserer Städte Einhalt zu gebieten“.

Die Vorschläge von General v. Seydlitz im sogenannten Seydlitz-Memorandum an NKVD-General Melnikov wurden abgelehnt.

„Am 2. November 1944 hatten NKFD und BDO für die Sowjetführung schliesslich nur noch politisch-propagandistische Alibifunktion; die Mitglieder mussten am Schluss erfahren, dass ihr Wiederstandsbemühen aus Gefangenenlagern heraus trotz der Zusicherungen des NKWD-Generals Melnikov zu keinem politischen Erfolg geführt hatte und von der Sowjetführung ausgenutzt und auch politisch missbraucht worden war.“

GUPWI-General Kobulov sammelte kompromittierendes Material gegen Seydlitz, und er wurde am 8. Juli 1950 in Moskau als Kriegsverbrecher verurteilt. Die enttäuschten Hoffnungen, durch die Mitgefangenen auferlegte Schikanen und das in eine 25jährige Haftstrafe umgewandelte Todesurteil als Ergebnis eines Schauprozesses haben die Gesundheit des Generals stark verschlechtert, ihn aber nicht gebrochen. Diese schmerzvollen und erniedrigenden Jahre sind durch Leonid Reschin dargestellt worden.

Walther v. Seydlitz kehrt als innerlich freier und gegenüber jeglicher Ideologie unempfindlicher Mann 1955 in die Bundesrepublik zurück. Er ist unglücklich über die unfreundliche Begrüßung, die er erfährt, aber er erklärt:

„Ich habe immer wieder mein Gewissen geprüft. Ich habe richtig gehandelt. Wenn ich vor der gleichen Entscheidung stünde, würde ich genau so wieder handeln.“

Am 18. Februar 1956 hat das Landgericht Verden das Todesurteil gegen General v. Seydlitz aufgehoben. Die russische Regierung erkannte 1996 an, daß die Verurteilung von Walther v. Seydlitz politisch motiviert war, und er wurde durch die russische Generalstaatsanwaltschaft rehabilitiert.

Die zeitliche Distanz und die Untersuchung eines umfangreichen Archivbestandes ermöglichen heute, ihm in der historischen Bewertung gerecht zu werden. Er war weder Opportunist noch Held, sondern ein Patriot und ein mutiger Mann; er hatte keine Angst davor, sein Leben und seine Ehre zu riskieren. Er ist mit seinem Wunsch gescheitert, den Krieg zu beenden und Hitler zu stürzen, aber die moralische Kraft seiner Motive macht den Wert des Erbes aus, das er für zukünftige Generationen hinterläßt.

„Das Entscheidende ist, daß Menschen unter den schwierigsten Bedingungen den Mut hatten, sich dem Tyrannen zu verweigern, und schließlich öffentlich gehandelt haben, obwohl sie dafür ihr Leben riskieren mußten und als Landesverräter galten. Es war notwendig, die Welt und die Nachwelt daran zu erinnern.“

Claude Lavoinne arbeitet an einer Dissertation über Walther v. Seydlitz.

Literatur
  • J.D. Carnes: General zwischen Hitler und Stalin. Das Schicksal des Walther v. Seydlitz, Düsseldorf 1980.
  • G. Merlio: Les Résistances allemandes à Hitler, Paris 2001.
  • L. Reschin: General v. Seydlitz in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, Berlin 1995.
  • W. v. Seydlitz: Beurteilung der Lage der 6. Armee, BA/MA N55/2.
  • W. v. Seydlitz: Stalingrad: Konflikt und Konsequenz, Oldenburg 1977.
  • G. Ueberschär: NKFD und BDO im Kampf gegen Hitler, Frankfurt am Main 1995.
Weiteres

Das Landgericht Verden erwähnt die Aufhebung des Todesurteils gegen Walther v. Seydlitz in seiner geschichtlichen Selbstdarstellung.

Zur Website des Landgerichts Verden